(Präventionstheorie/HSLU Luzern; www.hslu.ch)
Prävention
Prävention ist die Metapher für alle Bemühungen, Probleme frühzeitig zu verhindern, indem Einflussfaktoren (Risikofaktoren, Schutzfaktorendefizite) auf die Entstehung dieser Probleme beseitigt oder zumindest vermindert werden. Prävention unterscheidet sich demnach von der Früherkennung (s. unten) und von der Behandlung dadurch, dass sich ihre Massnahmen an Personen richten, bei welchen das zu verhindernde Problem noch nicht manifest geworden ist. Anders formuliert: Prävention ist immer Ursachenbehandlung.
Im allgemeinen Sprachgebrauch und bei gesundheitspolitischen Diskussionen wird unter “Prävention“ in der Regel die Primärprävention verstanden. Darunter fallen sowohl die Verhütung von Unfällen wie auch jene von Krankheiten.
Gesundheitsförderung
Gesundheitsförderung wird als Metapher für jegliche Massnahmen verstanden, die zum Ziel haben die Gesundheit zu fördern resp. zu erhalten. Da eine Förderung der Gesundheit immer nur über die Beseitigung von Risikofaktoren und Stärkung der Schutzfaktoren möglich ist, unterscheidet sich Gesundheitsförderung weder formal noch funktional von der Prävention. Im Gegensatz zur Prävention, die eine Krankheit oder Verletzung verhüten will und dazu eine bestimmte Krankheit oder einen Unfallhergang verstehen muss, versucht die Gesundheitsförderung in erster Linie die Gesundheit zu verstehen und jene Faktoren zu schützen, die sie erhalten und fördern. Die Gesundheitsförderung stellt hierzu folgende Fragen: „Was erhält / macht gesund?“ „Lassen sich diese Ressourcen erkennen und nutzbar machen?“ Unter Gesundheitsförderung werden jene Aktivitäten verstanden, welche die Bedingungen stützen und die Ressourcen erschliessen, die Menschen gesund erhalten bzw. gesunden lassen. Das können physikalische und biologische Bedingungen sein (Luft, Wasser, Ernährung, Hygiene), gesellschaftlich-kulturelle Bedingungen (Arbeitsklima, sozioökonomischer Status, gestalterischer Freiraum) sowie persönliche Haltungen und Kompetenzen (Lebenssinn, Lebensfreude, Selbstsicherheit).Gesundheitsförderung ist Befähigung von Individuen, Gruppen und Organisationen die Bedingungen ihrer Gesundheit mittels Veränderung der Lebensstile und Gestaltung der Lebensbedingungen zu verbessern. Gesundheitsförderung schliesst nicht nur Handlungen und Aktivitäten ein, die auf die Stärkung der Kenntnisse und Fähigkeiten von Individuen gerichtet sind, sondern auch solche, die darauf abzielen, soziale, ökonomische sowie Lebensbedingungen derart zu verändern, dass diese positiv auf die individuelle und bevölkerungsbezogene Gesundheit wirken.
Prävention & Gesundheitsförderung
Eine systemtheoretische Perspektive
Hafen zeigt anhand der Systemtheorie, dass die Gesundheitsförderung (wie auch die Prävention) eine behandelnde Disziplin sei, weil sie sich über Defizite definiert und diese zu beseitigen versucht. Sie mache also den Umweg über die andere Seite der Gesundheit, wenn sie diese positiv beeinflussen wolle. Die Unterscheidung einer an Gesundheit orientierten Gesundheitsförderung und einer an Problemen orientierten Prävention ist auf funktionaler und methodischer Ebene nicht haltbar. Es ist nämlich auch in der Prävention absolut üblich auf Stärken, Ressourcen und Fähigkeiten, die gefördert werden sollen, zu sehen, um das Auftreten von Problemen zu verhindern. Auch in der Praxis hat die Gesundheitsförderung nie eine unbestimmte Gesundheit im Blick, sondern ganz konkrete Probleme, welche die Gesundheit schwächen. So stehen auch hinter grossen Gesundheitsförderungsprojekten Fachleute aus der Medizin, die wissen, weshalb sie für eine gesunde Ernährung, Bewegung und soziale Kontakte werben. Ihnen ist bewusst, dass sie damit das Auftreten von Krankheiten, wie Krebs, Herzkrankheiten, Depressionen verhindern. Es macht letztlich keinen Unterschied, ob wir Defizite beseitigen oder positive Eigenschaften fördern. Wir können somit festhalten, dass Prävention und Gesundheitsförderung sich in ihrer Funktion und Methodik nicht unterscheiden (vgl. Hafen, 2007, S. 94f.).
Dieser Ansatz stösst nicht allseits auf Gegenliebe, da sich in der Tradition und der Entwicklung der Gesundheitsförderung eigene Haltungen entwickelt haben, die konsequent zwischen Prävention und Gesundheitsförderung trennen.
Früherkennung/Frühbehandlung
Bei der Früherkennung geht es darum, bestimmte Probleme wie Suchtmittelkonsum, Gewalt, Depression und andere unerwünschte Verhaltensweisen und Zustände in einem möglichst frühen Stadium zu erkennen, um diese Probleme möglichst früh behandeln zu können und damit eine Verfestigung resp. Folgeprobleme zu vermeiden. Früherkennung markiert damit den Übergang von Prävention zu Behandlung. Bei der Einrichtung von Früherkennungsstrukturen in einem sozialen System wie einer Schule geht es darum, erstens die Beobachtung der Problemanzeichen zu systematisieren, zweitens einen regelmässigen Austausch dieser Beobachtungen zu gewährleisten und drittens ein systematisches und damit erwartbares Vorgehen bei der Einleitung von frühbehandelnden Massnahmen zu garantieren. Früherkennung ist explizit als Unterstützungsmassnahme für die betroffenen Personen konzipiert und nicht als Kontrollmassnahme zur Aufrechterhaltung der Ordnung.
Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention
Von Primärprävention ist die Rede, wenn die Massnahmen sich an Personen oder soziale Systeme richten, bei denen ein Problem noch nicht aufgetreten ist; von Sekundärprävention ist die Rede, wenn sich die Massnahmen auf die Früherkennung der betreffenden Probleme konzentriert, und von Tertiärprävention sprechen wir, wenn das Problem bereits manifest geworden ist und die Massnahmen zum Ziel haben, einer Verschlimmerung des Problems oder Folgeprobleme zu verhindern.
Da jede Prävention (als Ursachenbehandlung) immer behandelnde Aspekte und jede Behandlung immer auch präventive Aspekte umfasst, lässt sich die Unterscheidungskette Primär-, Sekundär-, Tertiärprävention durch die Gliederung Prävention, Früherkennung/Frühbehandlung, Behandlung ersetzen, was zu Verminderung der Unklarheiten beitragen mag, welche die Begriffe Sekundär- und Tertiärprävention bei der Unterscheidung von Prävention und Behandlung bewirken.
universelle, selektive und indizierte Prävention
Auch diese gebräuchliche Unterscheidungskette lässt sich reformulieren, dergestalt, dass sich universelle und selektive Prävention auf die Zielgruppenbestimmung beziehen, während es sich bei den Massnahmen der indizierten Prävention um Frühbehandlungsmassnahmen handelt, die sich an Personen mit einem ganz konkreten Problembezug richten – ein Problembezug, der bei den Zielpersonen der Prävention (Primärprävention, universelle und selektive Prävention) noch nicht vorhanden ist.
Verhaltens- und Verhältnisprävention
Während die Verhaltensprävention (individuelle oder personale Prävention) bestrebt ist, Problemursachen direkt bei der Zielgruppe anzugehen (z.B. die Abgrenzungsfähigkeit oder den Informationsstand zu verbessern), richten sich die Massnahmen der Verhältnisprävention (strukturelle Prävention, Setting-Ansatz) an die sozialen Systeme in der Lebenswelt der Zielpersonen, also an Schulen, Familien, Betriebe, Peer-Groups etc
Gesundheit
Der Begriff ‚Gesundheit’ bezeichnet die subjektivierend psychische und objektivierend soziale Beobachtung von Symptomen der Gesundheit/Nicht-Gesundheit anhand von Unterscheidungen wie Abwesenheit/Anwesenheit von Krankheiten, Wohlbefinden/Unwohlsein oder Vitalität/Antriebs-losigkeit. ‚Gesundheit’ bezeichnet damit keinen absoluten Zustand, sondern die sich laufend verändernde Positionierung eines Menschen auf dem Gesundheits-/Krankheitskontinuum, wobei zwischen physischer und psychischer Gesundheit zu unterscheiden ist. Die Positionierung auf dem Kontinuum wird beeinflusst durch Krankheiten, durch proaktiv pathogene Faktoren (Risikofaktoren) und durch reaktiv protektive Faktoren (Schutzfaktoren), welche die pathogene Wirkung der Risikofaktoren vermindern. Die Risiko- und Schutzfaktoren können in physische, psychische, soziale und physikalisch-materielle Faktoren unterschieden werden. Da Gesundheit als Phänomen empirisch nicht fassbar ist, kann sie immer nur indirekt gefördert resp. erhalten werden: durch Behandlung von Krankheiten oder durch die Verhinderung (Prävention) dieser Krankheiten über die Reduktion von Risikofaktoren und den Ausbau von Schutzfaktoren.

